03 Der Sprung
- Eric van Helden
- 20. Apr. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Feb.
Ich war den Jungen erst vor Kurzem am Rande des Geländes der Heldenakademie begegnet. Ich wusste genau, wer er war und was ihn dazu bewegte, auf die Erde gehen zu wollen. Es war mutig von ihm, das musste man ihm lassen. Der Unwahrscheinlichkeitsfaktor, bezeichnend für den Misserfolg des Unterfangens eines Helden bei seiner bevorstehenden Mission, war in seinem Fall von unseren Spezialisten zuletzt als recht hoch errechnet worden. Aber der Junge blieb standhaft bei seiner Meinung: Er behauptete eisern, es sei an der Zeit für Veränderungen, solche, die viele Menschen in ihrem Innersten bewegen würden. Sein Leitspruch hatte ihn dazu bewogen, sich an der Akademie zum Transformations-Spezialisten ausbilden zu lassen.
Wir hatten uns kürzlich ein wenig über dies und das unterhalten. Als Leiter dieser Akademie wandte ich mich an ihm mit den Worten: “Ich möchte Dir eine Lebensweisheit mit auf dem Weg geben: Das Herz, ist der Ort der Handlung.” So etwas lehrte man nicht in irgendwelchen Seminaren, aber ich mochte es, frisch gebackenen Helden einen letzten, persönlichen Schliff zu verpassen. Und aus mir unerklärlichen Gründen hatte ich für diesen Jungen im Laufe seiner Ausbildung, väterliche Gefühle entwickelt.
Und doch musste ich einmal mehr an den Nebel denken. Würde es erneut so enden, dass wir einen hoch-motivierten Agenten verlieren würden? Es war schon bitter zusehen zu müssen, wie viele gründlich vorbereitete Biografien, einstudierte Rollen und einfallsreiche Details wir an den Nebel verloren hatten. Vergebens hatten wir lange Zeit von den entsandten Agenten über den verschlüsselten Spacebook-Kanal auf einen Rückruf gehofft. Das blieb in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt. So verzeichneten wir immer weniger Anwärter auf die Stelle als Helden. Von den wenigen, die dennoch zu uns kamen, brachen die meisten vorzeitig ihre Ausbildung ab.
So stand ich nun in Gedanken versunken, angelehnt an das Mäuerchen am Eingang des Hauptgebäudes der Akademie. Es war zu spät, um mich ein letztes Mal von dem Jungen zu verabschieden. Von Weitem konnte ich beobachten, wie er bereits im Begriff war, die Schwelle zum Verbindungskorridor zu betreten, um dann endgültig zu springen. Sein neues Ich hatte damals in dem Gebäude hinter mir, unter Aufsicht unserer Experten, das Licht der Andars Welt erblickt. Diese neue, erst einstudierte und dann über die Zeit verinnerlichte Persönlichkeit, hatte sich heute unwiderruflich auf die Reise in Richtung Zielwelt begeben, der Erde, nördliche Hemisphäre. Jetzt war der Junge nicht länger zu sehen.
~
Perspektivwechsel: Für einen kurzen Augenblick blickte ich auf meine Beine und spürte, wie sie mich immer weiter trugen, als würde sie ein fremder Wille befehligen. Mir war sehr wohl bewusst: Jetzt war es zu spät für irgendwelche Zweifel. Gleich würde ich die Existenz, wie ich sie bis jetzt kannte, unwiderruflich hinter mir lassen. Das Gelände der Akademie war bereits außer Sichtweite. Hatte mein Mentor meine Abreise mitverfolgt? Ich schaute geradeaus nach vorne und bemerkte fast nur nebenbei, dass ich sie bereits erreicht hatte, die Sprungfelder. Von hier aus gelang man an eines jener Orte, das als Schwelle zum Niemandsland bezeichnet wurde. Ich setzte mich wieder in Bewegung und überquerte wie Generationen an jungen Menschen vor mir dieses außergewöhnliche Land, das meistens sein unbekannte Schöpfer in den Varianten ‚sanftes Licht‘ oder ‚satt grüner Wiese‘ anbot. Die Variante Strand-mit-Wellengang erfuhr gerade ein Upgrade und war kurzfristig aus dem Programm genommen worden. Ich musste plötzlich innehalten. Kurz vorher noch mit dem Inhalt seiner Taschen beschäftigt, fokussierte ich meine Aufmerksamkeit wieder für einen Augenblick auf das Hier-Und-Jetzt. Ich bemerkte meine kleine Unachtsamkeit. Ein Lächeln umspielte meine Lippen.
“Ich wünsche mir eine Wiese!”, sprach ich klar und deutlich, ein wenig zu laut. Augenblicklich prahlte ein grünes Meer um mich herum, in vollster Pracht und Leben. Es war eine solche Wiese, die oben, in den Bergen satt riecht und geräuschvoll durch die vielen Beinchen und Flügel unzähliger Insekten vibriert. Sichtlich genoss ich diesen einen letzten, entspannten Spaziergang auf meiner Heimatwelt auf dem Weg Richtung Erde.
Einzelheiten meines neuen Ichs blitzten mir plötzlich durch den Kopf, in dieser klar artikulierten, ein wenig förmlich klingenden Sprache, die ich erst kürzlich gezielt für diese Mission gebüffelt hatte: Deutsch. Erkenntnisse überschlugen sich, gefolgt von beunruhigende Gedanken, scheinbare Kleinigkeiten, die mich aber auf einmal ungleich wichtiger erschienen als sie sollten: “Wie jetzt, ich muss Geld verdienen? Eine gemischte Wohngemeinschaft?? …mit lauter Unbekannten??! Ein sprechender Hund noch dazu?!! Oh mein Gott!! Das kann nur schief gehen!”
Welcher kopfloser Spezi hatte sich das denn schon wieder ausgedacht. Ich wusste es, ich hätte vor dem Sprung lieber das Kleingedruckte und die AGBs zu dieser Mission durchlesen sollen, bevor ich dem zugestimmt und mein Spacebook-Profil weggeklickt hatte.
Als frisch gebackener Held bekam ich mächtig Muffensausen, nichts Ungewöhnliches. Das war das Zeichen dafür, dass meine neue Persönlichkeit sich nun endgültig fest in mich verankert hatte. Immer noch ein wenig schwindelig über das undefinierte Gefühl, etwas Falsches getan zu haben, meldete sich von meiner Linken eine freundliche Stimme zu mir. Aus dem Nichts erschienen, kam mir ein älterer Herr entgegen. Für einen Augenblick beschlich mir der Gedanke, den allmächtigen Autor Erik van Helden selbst zu erblicken, aber dann erkannte ich ihn wieder. Es war Albert, ein lebenserfahrener, alter Mann mit weißen Haaren. Wir hielten ein Schwätzchen. Das Besondere an diesem Niemandsland war, dass man jedermann treffen konnte. Wer das sein sollte, entschied das Schicksal. Jene Kraft schickte dem Helden kurz vor der Mission einen Mentor zu, mit letzten Ratschlägen. Albert sprach zu mir auf seiner ruhigen, überzeugenden Art: “Weißt du mein Junge, es ist nämlich so, Probleme können nicht mit der gleichen Denkweise gelöst werden, die sie verursacht hat.” Schweigend spazierten wir gemeinsam eine ganze Weile umher. Ich ließ die Worte in mich sacken. Bevor sich Albert von mir verabschiedete, streckte er mir scherzhaft seine Zunge entgegen und war dann augenblicklich verschwunden. Dieser Anblick würde sich fabelhaft auf weißen T-Shirts verkaufen, überlegte ich und bei diesem Gedanken stolperte ich ohne Vorwarnung in einen bodenlosen Abgrund.
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